30.08.2017

Randnotizen August 2017 von Philippe Brühlmann

 
Liebe Leserin, lieber Leser
 
Die Sommerferien sind vorbei und damit auch eine eher ruhige Zeit. Die Geschäfte sind wieder hochpräsent und die Termindichte ansteigend. Wie im Juni angekündigt, werde ich Ihnen nun aber an dieser Stelle gerne einen kleinen Kurzbericht abgeben, wie die zwei Wochen als Pfahlbauer vonstattengingen. Folgendes sei vorab im Allgemeinen erwähnt: Die zwei Wochen waren geprägt von sehr schönen Begegnungen mit den Besucherinnen und Besuchern und unzähligen interessanten Gesprächen. Die Angst vor den Stechmücken im Vorfeld war unbegründet, hatte ich doch schnell den Dreh raus, wann ich mich in der Dämmerung ans Feuer setzen musste, um mich somit den Plaggeistern erfolgreich entziehen zu können. Das vorab eigentlich vorgesehene Experiment der teilweisen Nahrungsmittelbeschaffung ist gescheitert (Sie werden einiges übers Essen lesen…), was natürlich aus Sicht des Schreibenden nicht wirklich dramatisch war. Zudem ist der Krebsbach zum Baden wirklich sehr kalt - auch im Sommer. Hier nun ein kleiner Abriss:
 
Tag 1:
Nach der Einweihung im Laufe des Morgens befasste ich mich mit der Herstellung eines Pfeilbogens sowie eines Speeres Dies aufgrund einer zugetragenen Info, dass sich jemand irgendwann nachts einen Spass erlauben will (was wohl aufgrund einer erfolgreichen Abschreckungsstrategie seitens des Pfahlbauers nie stattgefunden hat…). Ebenso konnte ich das Haus für die erste Zeit etwas einrichten und machte erste Bekanntschaft mit einem der vier Füchse, die in der Nähe ihren Bau hatten. Das Nachtessen war feudal: Einen Teller Salat mit Grilladen und Kartoffeln, gespendet von einer Geburtstagsfeier im alten Schiessstand.
 
Tag 2:
Kaum auf den Beinen und aus dem Haus kommend eine nette Stimme: „Wetsch en Kafi?“  Eine Hand reichte mir einen kleinen Thermosbecher mit heissem Kaffee entgegen. Was für ein Start in den Tag! Eine halbe Stunde GetreidemahIen auf dem Mahlstein, mit etwas Salz und Wasser alles zu Teig verarbeiten, ein paar Minuten auf den heissen Stein im Feuer legen und fertig war das erste Brot. Im Laufe des Tages erhielt ich nebst vielen interessierten Besuchern, Besuch eines Regierungsrates, von vier Füchsen, eines Hasen und einer neugierigen Bache im nahen Schilf. Wieder ein feines Nachtessen: Hase im Speck mit Maiskolben vom Nachbar.
 
Tag 3:
Der Webrahmen, den ich tags zuvor begonnen hatte, wurde fertiggestellt und ich machte mich ans Töpfern, wobei ich schnell feststellte, dass ich dafür kein Talent habe. Ein Besucher überbrachte mir Unterlagen seines Grossvaters, der 1917 eine der ersten Grabungen im Weier leitete, und eine freundliche Journalistin erwischte mich in festlicher Stimmung mit einem anderen Besucher bei der Konsumation eines alkoholischen Malzgetränks im Metallbehältnis, was natürlich nicht ganz der Zeit entsprach. Abends ging ein Schuss durch den Wald, wobei ein Wildschwein erlegt wurde. Ein Besucher und ich durften mit dem Jäger zusammen das Tier im dunklen Walde suchen.
 
Tag 4:
Das Hasenfell, mit dem ich meine Trekkingschuhe getarnt hatte, löste sich wegen der grossen Feuchtigkeit ab und ich musste eine Alternative finden. Mit einigen Jutestreifen und Hanfschnur löste ich das Problem elegant. Unter anderem besuchte mich ein Herr aus dem Kanton Appenzell sowie eine Familie aus der Türkei, die in der Schweiz Urlaub machten. Ebenso hielten eine Schulklasse aus Dörflingen und eine Delegation von Politikern inne.
 
Tag 5:
Ein Gipfeli und das Lukasevangelium lagen frühmorgens kurz nach Sonnenaufgang auf einem der Holzstämme am Feuer. Leider habe ich nicht herausgefunden, von wem ich dieses Präsent erhalten habe. Herzlichen Dank dem oder der Unbekannten. Nach einem Kaffee mit einem regelmässigen Besucher, der übrigens einen Blog in den  zwei Wochen unterhielt, machte ich mich wieder an die Arbeit. Aufgrund eines anstehenden Besuches am Wochenende entschied ich mich, trotzdem ein Plätzchen für die Notdurft einzurichten (geplant war ja die Nutzung des Toitoi im Kesslerloch in dieser Phase). Resultat: Nicht einfach ein Loch und ein Bängel  wie damals in der Pfadi, sondern schön aus Holz gebaut, bequem mit Brille aus Scheitern und fast schon idyllisch.
Besuch des 1. Vorstandes des Pfahlbaumuseums in Wangen am Bodensee, der Kräuterdamen aus Barzheim, welche sich in zeitgerechter Kleidung einfanden und mich in die Kräuterkunde einführten, einiger Orientierungsläufer, wobei das Pfahlbauerhaus ein Posten war, und unserer Jäger. Zudem überreichte mir eine offizielle Delegation des Schifferclubs eine schöne Urkunde. Mittagessen: Ein Entrecote!
 
Tag 6:
Ein Besucher brachte mir Glacé, was ich natürlich nicht ablehnen konnte. Nach längerer Suche fand ich geeignete Steine für die anstehende Werkzeugherstellung. Ich erfuhr einen weiteren Dämpfer, indem ich mein Resultat in der Herstellung eines Korbes vor mir sah. Im Wald beobachteten wir zwei kleine Kitze beim Äsen und am späten Nachmittag hiess es Einzug der Traktoren - ein altes Dieselross und später, als Gegensatz dazu, der grösste momentan erhältliche Standardtraktor mit einer offiziellen Delegation aus Dörflingen. Nicht ganz pfahlbauerisch, aber imposant!
 
Tag 7:
Tagwache in der Dämmerung. Meine Mitbewohner, die Mäuse, frassen über Nacht einen Teil meines Brotes. Aufgrund meines doch beachtlichen Vorrates an Futterweizen kein Grund zur Besorgnis, nicht zuletzt auch, da sich ein weiterer Jutesack mit Essensgaben der lieben Besucherinnen und Besucher langsam füllte. Ich begann mit der Herstellung der Werkzeuge (Längs- und Querbeile) und bekam Besuch einer Thaynger Schulklasse. Plötzlich besuchte mich noch ein Briefträger: Post aus Davos und Finnland! Sehr langes und philosophisches Gespräch mit einem Thaynger Besucher und Einzug meines Sohnes für die nächsten 3 Nächte, der sich ebenfalls in Pfahlbauerkleidung warf. Am Abend war der Knorr-Läufercup, an dem ich bis anhin teilgenommen hatte, aber aufgrund der jungsteinzeitlichen Situation dieses Jahr nur als Besucher dabei war. Bei der Heimkehr erwartete mich eine Barzheimer Gruppe in eleganter Pfahlbauertracht mit einer Kuh, die ich melken konnte und die frische Milch gleich trinken durfte - herrlich!
 
Tag 8:
Kurz nach Sonnenaufgang aufstehen. Wie jeden Morgen das herrlich kühle Wasser des Krebsbachs ins Gesicht und Zähne putzen. Mit Sohnemann ging‘s auf den alten Weier, wo wir in sehr schlammigem Gewässer die unzähligen Karpfen beobachteten. Am Nachmittag Einzug meines besten Freundes mit Göttibueb und dessen Schwester übers Weekend. Heftige Gewitter mit starkem Regen und Hagel bewiesen, dass das Haus dicht war. Eine gute Erkenntnis und beruhigend. Ebenso der Beweis, dass „unsere“ Pfahlbauer genau wussten, wie sie den Elementen trotzen konnten.
Die Jungen waren fortan mit dem Weier beschäftigt, was es den Erwachsenen erlaubte, sich ums Essen zu kümmern. Nachtessen: Forellen in Weisswein und Butter - wieder vom Nachbarn -  über dem Feuer gedämpft.
 
Tag 9:
Erwachen mit Regen. Gerade in einer solchen Situation steigt der Wunsch, noch etwas liegen zu bleiben. Nichts da, erster Besucher frühmorgens (es sei 7 Uhr 10, meldete dieser…). Danach Morgenbad im Krebsbach, der bei der Schleuse beim Spielplatz durch angeschwemmtes Material vom vorabendlichen Unwetter angestaut wurde. Lieferung eines Sonntagszopfs, welcher grosse Freude bereitete. Während des Tages kamen wieder einige Besucher und ich durfte einige Male durch das Haus und rundherum führen. An diesem Tag wurde die 200er-Grenze der Besucherinnen und Besucher überschritten. Ein schöner Spaziergang via Teufelsküche und Weier rundete den Tag ab.
  
Tag 10:
Weiterarbeit an den Werkzeugen - nicht ganz einfach, aber es gelingt. Die Gäste haben ihre Sachen gepackt und sind im Laufe des Morgens ausgezogen. Zum Frühstück wurden ein paar frische Gipfeli und sehr guter Kaffee überbracht. Mein Sohn und drei Brüder starteten eine Expedition zur künstlich angelegten Insel im alten Weier, natürlich unter Einhaltung aller naturschutzrechtlichen Rahmenbedingungen. Die Expedition gelang erfolgreich und die Insel wurde „zurückerobert“. Dieser Tag war eher ruhig mit einem entspannten Abend, etwas Besuch aus der Verwandtschaft, einer Reparatur meiner Schuhe und einem Bad, welches ich dringend nötig hatte. Kulinarisches Highlight: Lieferung einer Schüssel Tartar mit warmem Toast und Butter aus dem Restaurant Gemeindehaus, wobei einige Besucher gleich mit in den Genuss dieser Spezialität kamen.
 
Tag 11:
Einer meiner Gemeinderatskollegen brachte morgens einen Espresso und ein weiterer etwas später wiederum ein gläsernes Behältnis mit alkoholhaltigem Malzgetränk. Den Tag hindurch kamen viele Besucher, unter anderem auch nochmals aus meiner Verwandtschaft. Ebenso stellte sich eine hohe Medienpräsenz ein - eine Wochenzeitung sowie ein regionaler Fernsehsender. Das hiess aber auch, dass ich an meinen Werkzeugen kaum weiterarbeiten konnte und ich machte mir langsam Sorgen, ob ich mein Ziel, das Haus fertig einzurichten, wohl erreichen würde.
Gegen Abend erhielt ich hohen Besuch des Präsidenten des kantonalen Gewerbeverbandes, sekundiert von einem Thaynger Unternehmer. Unter animalischem Gerufe aus dem Wald hiess es dann „Kesslerloch trifft Pfahlbau“, als plötzlich drei Männer in entsprechender Steinzeitkleidung und geschmückt mit grossen Rinderknochen ans Feuer stiessen. Mitgebracht haben diese ein paar Mistkratzerli, welche über dem Feuer ein herrliches Mahl ergaben.
 
Tag 12:
Ich wurde endlich mit meinen Werkzeugen fertig und konnte somit meine Arbeit abschliessen. Grosse Freude hatte ich, als im Laufe des Tages die neue Kantonsarchäologin einen Besuch abtstattete und wir ein sehr gutes und angeregtes Gespräch über die angesagte Epoche führten. Sie überreichte mir ein Feueranzündset, ein schönes Buch und einen Silexwerkzeugbausatz. Ebenso stattete mir der bekannteste Ballonfahrer der Region (nein, es war nicht der Piccard…) einen Besuch ab, wobei natürlich die Gespräche von jungsteinzeitlichen Themen schnell in die Gegenwart und zur Luftfahrt wechselten. Am frühen Abend grosses Stelldichein der gesamten Führungsriege der gemeindeeigenen Bank sowie vieler meiner Parteifreunde, die gleich noch einen ganzen Frischling, gesponsert von einem ansässigen Metzger und Jäger, mitbrachten. Ein wunderbares Festessen.
 
Tag 13:
 Ich spürte, dass nochmals einige die letzte Gelegenheit nutzen wollten, einen Besuch abzustatten. So waren im Laufe des Morgens Kinder aus „Down-under“ vor Ort, welche die am weitest gereisten Gäste waren, die das Haus besuchten. Zudem schaute der Direktor des Schaffhauserland Tourismus rein und der Gemeindepräsident aus Hemishofen fühlte sich sehr wohl und der Stadtpräsident von Stein am Rhein hätte wahrscheinlich am liebsten sein Domizil an diesen schönen Ort verlegt. Der ehemalige Tiefbaureferent von Thayngen und seine Gemahlin konnten mit dem Stiftungsratspräsidenten vom Sternen eine kleine Rundfahrt auf dem alten Weier geniessen und die älteste Bewohnerin von Barzheim brachte mit ihrem Patenkind ein paar Caramelzältli vorbei. Übrigens kam an diesem Tag etwas Alpenfeeling ins ganze, führte doch ein Landwirt seine Kühe auf die benachbarte Wiese und diese trugen Glocken. Idyllischer ging es fast nicht mehr! Die 300er-Grenze an Besuchern wurde klar überschritten.
 
Tag 14:
Nochmals kamen die Medien auf Besuch und ich fing an, die Infrastruktur langsam aber sicher auf meinen Auszug vorzubereiten. Diverse Arbeiten standen an, wie beispielsweise das Zuschütten meiner Luxuslatrine, einige Vorbereitungen im und ums Haus und den Reisebeutel für den Samstagmorgen zu packen. Nochmals einige Besucher und am Abend gab es eine Spontangrillade, wobei die Besucher dabei waren, die mich praktisch täglich besuchten. Einer brachte sogar seine Gitarre mit und gab einige bekannte Stücke zum Besten, wobei einige sogar mit Gesang einstimmten. So ging es bis spät in die Nacht und mein Auszug rückte in unmittelbare Nähe.
 
Tag 15:
Morgengrauen, aufstehen, Zähne putzen, etwas Wasser ins Gesicht. Mit einigem Wehmut schloss ich die Plexiglastür, hängte das Vorhängeschloss in die Falle und mit einem kurzen, kalten metallischen Klicken war die Tür verschlossen und die 2 Wochen gehörten der Vergangenheit an. Einfach so….Eine Zeit, liebe Leserin und lieber Leser, die ich nicht vergessen werde, war diese doch geprägt von schönen Erlebnissen und einzigartig positiven Eindrücken. Rückblickend war die Resonanz natürlich grösser, als man je erwartet hätte. Eine Resonanz, die vielleicht die sonst eher negativen Schlagzeilen, die einfacher in den Medien zu finden sind, für einmal etwas in den Schatten stellte. Und wer weiss, vielleicht war dies ein Startschuss für die Bekanntmachung und die touristische Entwicklung all unserer Perlen, die wir in unserer Region haben. Man muss sie nur sehen und die Chancen packen.
 
Ich möchte mich herzlich bedanken bei allen Beteiligten, den vielen lieben Besucherinnen und Besuchern, Essensspendern, Institutionen, dem Bauamt und Forst. Ohne diese wäre das ganze Unternehmen nur halb so schön gewesen! Nochmals vielen herzlichen Dank an alle!
 
 
Liebe Leserin, lieber Leser
Ich wünsche Ihnen eine schöne und gesunde Zeit und freue mich auf die nächsten Begegnungen mit Ihnen - wieder sauber gewaschen und ohne Rauchgeschmack.
 
Herzlich,
Ihr Philippe Brühlmann
Gemeindepräsident
 
 
 
 


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